In eigener Sache

Gerade hab‘ ich zum Frühstück auf tagesschau24 den Beitrag zum Fachkräftemangel der Sendung Exakt – Die Story vom 24.04.2013 vom MDR gesehen. Dazu hätte ich mal etwas angemerkt, respektive nachgefragt…

Zunächst mal zu mir: Ich bin 44 Jahre alt und seit ca. 2 Jahren arbeitslos. Naja, seit einem Jahr eigentlich, denn das erste Jahr kann ich erklären. Also seit ca. einem Jahr suche ich intensiv nach einer Arbeit. Ich schreibe hier jetzt keine Bewerbung, denn die steht mittlerweile hundertfach im Netz in den einschlägigen Portalen bzw. versauert in Dutzenden von Firmenbewerberdatenbänken und ähnlichen Geschichten. Nur soviel: Ich habe ein Universitätsdiplom als Diplom-Kaufmann, also ein BWLer, ich verfüge über eine gehörige Portion Berufserfahrung bis hin zu Leitungspositionen. Habe zusätzliche Qualifikationen als zertifizierter SAPler und Prozessmanager. Ich bin zu 100% reisewillig, kinderlos und habe auch keine finanziellen Verpflichtungen. Einziges Manko ist, dass ich meinen Lebensmittelpunkt in Berlin behalten möchte und ich deshalb den Arbeitsort von der (finanziellen) Möglichkeit abhängig mache, dies auch so beizubehalten.

Ich bewerbe mich im Durchschnitt wöchentlich auf ca. 5 Stellen und habe bis dato ca. 250 Bewerbungen abgeschickt, exklusive der direkten Onlinebewerbungen in Firmenportalen. Ich habe weiterhin durchschnittlich alle 3 Wochen ein Bewerbungsgespräch bei denen ich bislang zu 99% anschließend ein gutes Gefühl und ein positives Feedback hatte, aber eine Ausbeute von exakt 0% (klar, sonst hätte ich ja wieder Arbeit).

Freilich fallen viele Bewerbungen schon aufgrund meiner Seniorität, bzw. der damit verbundenen Angst (oder soll ich Panik sagen) vor zu hohen Gehaltsforderungen durchs Raster, das ist mir schon bewusst.  Aufgrund von AGG und ähnlichen Scherzen ist es enorm schwierig, den Unternehmen ein Feedback zu entlocken, welches einem weiterhelfen würde sich selber zu optimieren. Aus den spärlichen verwertbaren Aussagen, lässt sich jedoch entnehmen, dass ich aufgrund meiner breiten, aber nicht tiefen Qualifikation in Konkurrenz zu Bewerbern stehe, die zumindest aus der Branche kommen. Anders ausgedrückt: Einkaufen lernen kann man schneller, als den Einkaufsgegenstand zu begreifen. Auch das ist akzeptabel, aber vor dem Hintergrund eines angeblichen Fachkräftemangels natürlich nicht hinnehmbar…und damit zum Beitrag:

Zunächst einmal zu den nichtqualifikationsbezogenen Einlassungen des Beitrags:

  • Geringe Löhne bzw. Gehälter

Nun, das ist wirklich ein Problem, vor allem, wenn auf der anderen Seite über volle Auftragsbücher und innovative Unternehmen fabuliert wird. Das passt einfach nicht zusammen, liebe Unternehmer. Ich würde gerne in Thüringen arbeiten, aber ich kann das eben nicht für einen Hungerlohn machen. Denn für ein niedriges Gehalt bzw. Hartz IV kann ich momentan nur direkt in Berlin leben. Das ist so und das kann man nachrechnen. Aber ich gehöre nicht zu denen, die dahin ziehen, wo es das meiste Geld gibt und das sollte doch eigentlich machbar sein. Wenn Menschen Haus und Hof verlassen, um hunderte Kilometer entfernt mehr Geld zu verdienen, dann ist das deren Sache, aber es ist nicht meine Motivation.

  • Attraktive Arbeitgeber

Im Beitrag werden als attraktive Arbeitgeber große Unternehmen wie Daimler, Siemens etc. genannt. Das ist für Berufseinsteiger verständlich. Für Menschen mit meiner Erfahrung ein Graus. Ich möchte nicht in einem Konzern arbeiten, sondern am liebsten in einem mittelständischen, bevorzugt familiengeführten, Unternehmen. Ich kenne die Fallstricke dort und finde sie mehr als nur akzeptabel im Vergleich zu einem shareholdervalueverseuchten, anonymen Großkonzern, wo die rechte Hand nicht weiß was die linke tut.

  • Attraktive Zusatzleistungen

Wie schon gesagt, bin ich nicht hinter dem großen Geld her, ich habe andere Prioritäten. Meine Situation ist glücklicherweise so, dass ich hier einen großen Verhandlungsspielraum hätte, wenn man sich nur darauf einlassen würde. Ich brauche keine „Oasen“, keine Kita, kein betriebseigenes Fitnessstudio. Mir sind flexible Arbeitszeiten wichtiger oder das Vorhandensein von Technik, um ortsunabhängiger zu sein. Eine Bahncard 100 wäre mir mehr wert, als das dickste Monatsgehalt, keine Nutzungsbeschränkung für den firmeneigenen Laptop ist für mich attraktiver als Urlaubsgeld.

Mein Leben als „Missmatch“

Fachkräftemangel ist ja genaugenommen ein Technikermangel, warum man das nicht wirklich so tituliert, ist mir schleierhaft. Zwar steht in den meisten Stellenanzeigen immer noch ein verstohlenes „…oder betriebswirtschaftliche(s) Ausbildung (Studium)“, aber ich vermute, das hat etwas mit Tradition zu tun. Vielleicht ist es aber auch nur der Hinweis darauf, dass dies die Fliege ist, welche der Teufel in der Not auch fressen würde. Jedenfalls ist klar, dass BWL als Hauptausbildung ausgedient hat und das ist auch gut so. Die Situation der Weltwirtschaft sowie die wohl nicht mehr reparable Finanzkrise haben gezeigt, dass Wirtschaftswissenschaften Schall und Rauch sind und von daher genügt es ein paar betriebswirtschaftliche Techniken, vornehmlich aus dem Bereich Rechnungswesen zu beherrschen, um anschließend einen vernünftige Arbeit abliefern zu können1 . Hierfür reicht allerdings auch ein Fach Wirtschaft in der Schule oder ein Wochenendseminar bei einem der einschlägigen Anbieter der Arbeitslosenindustrie.

Nun gehöre ich nun mal zu diesen Nichttechnikern, obwohl mir Technik eigentlich immer Spaß gemacht hat und ich durchaus in der Lage bin technische Zusammenhänge zu kapieren und (betriebswirtschaftlich) zu beurteilen. Aber ich habe hierfür kein Handwerkszeug, welches mich qualifiziert vom Fleck weg z.B. eine technische Zeichnung anzufertigen bzw. zu lesen. Lange Rede kurzer Sinn, es muss mir jemand beibringen und ich wäre auch sehr bereit dafür mich umschulen zu lassen oder sogar noch eine Lehre zu absolvieren.

ABER: Ich muss während dieser Zeit Leben können und ich brauche eine echte Perspektive. Ich bin 44, wenn ich mich heute umschulen lassen würde, benötige ich eine zumindest mittelfristige Garantie auf ein vernünftiges Einkommen. Also, es ist ja klasse, dass das Arbeitsamt und unzählige Institutionen Umschulungen, Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen anbieten und auch durchführen, aber es fehlt die Beteiligung der Arbeitgeber in diesen Maßnahmen. Ich kann in meiner Situation nicht von einem Lehrlingsgehalt leben und eine anschließende Übernahme kann nicht für einen Hungerlohn stattfinden. Ich bin bereit (und schlage das auch regelmäßig vor) ein Praktikum oder ein Traineeprogramm zu machen, aber nicht für Gottes Lohn und auch nicht für ein Taschengeld. Ich möchte die ernsthafte Absicht des Arbeitgebers sehen, mich auf einen ordentlichen Arbeitsplatz mit einer vernünftigen Bezahlung fit zu machen und mich nicht auf eine Zeit billig auszubeuten, mit der Karotte der Übernahme vor der Nase. Das kann man mit Mitte 20 ein- oder zweimal machen, aber nicht mit Mitte 40. Ebenfalls biete ich an, mich auf Arbeitsamtskosten qualifizieren zu lassen, aber nicht auf eine vage Zusage hin. Ich gelte jetzt schon oft als überqualifiziert, jede weiter zusätzliche Qualifikation macht es mittlerweile noch schwieriger für mich, die Hürde des ersten Eindrucks zu nehmen. Ich möchte mich weiter qualifizieren, aber nur noch gezielt auf eine (vernünftig bezahlte) Position hin.

Ich komme zum Schluss. Das sind Probleme, die in der politischen Diskussion so gut wie nie angesprochen werden und ich denke, es hat einen Grund und dieser ist beabsichtigt… Es gibt nämlich gar keinen Fachkräftemangel, es gibt einen Mangel an billigen Fachkräften. Die im Beitrag vorgestellten „händeringenden“ Unternehmen haben einen Ausweg gefunden, Fachkräfte aus Ländern, die in der Weltwirtschaftskrise zu Verlierern der Finanzindustrie wurden. Mit, für moderne Industrieländer selbstverständlich, hervorragenden Bildungseinrichtungen und einer horrenden Jugendarbeitslosigkeit …Honi soit qui mal y pense!

  1. Ich rede hier keiner Schmalspurausbildung à la Bachelor oder Master das Wort. Der gesamte „Bolognaprozess“ ist eine einzige Farce. Mit dem Ziel das Sklavenheer der prekär bezahlten Arbeiter mit einer halbwegs vernünftigen Qualifikation zu vergrößern. []
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