Spuren …

Ein Mensch ist gestorben, das passiert weltweit  …ich weiß es nicht …millionenfach oder sind es nur Hunderttausende? Ich könnte das jetzt googeln, aber ich habe gerade keine Lust. Ich schaue Bilder an, Fotos auf Totholz, ich will sie digitalisieren. Ich mag es sehr Dinge digitalisiert zu haben, es ist so schön einfach mit digitalisierten Dingen umzugehen. Wenn man sie aneinanderreiht bekommt man eine Chronik der Dinge, auch das gefällt mir. Mit dem Internet zusammen kann man diese Dinge immer alle dabeihaben und man kann damit Spuren hinterlassen …Spuren, denen andere folgen können und dies sogar theoretisch bis in alle Ewigkeit.

Aber darum geht es gar nicht. Am Freitag ist ein Mensch gestorben. Jemand den ich mal sehr gut kannte, irgendwann habe ich ihn nur noch gekannt, aber ich hätte ihn jederzeit wieder so kennen können, wie ich ihn schon mal gekannt hatte. Wir haben uns nie gestritten, wir haben uns nur aus den Augen verloren. Aus den Augen ja, nicht aus den Ohren, denn immer wenn ich gemeinsame Bekannte gesehen hatte, wurde zumindest kurz auch über ihn gesprochen. Ich habe seine Spur immer gehabt, wenn sie auch immer schwächer wurde. Aber auch das hätte man jederzeit ändern können, ich wusste ja immer wo er war, genauso wie er immer wusste wo ich war. Ich bin sogar sicher, wenn er gemeinsame Bekannte traf, wurde auch immer zumindest kurz über mich gesprochen.

Seine Dinge waren nicht so digitalisiert wie meine Dinge, obwohl er die Qualifikation und auch das Equipement dazu besaß. Aber seine Spur hatte ich trotzdem, nun wird sie eben noch schwächer, oder sie endet, aber man kann sie immer zurückverfolgen …wie ich hier mit meinen Fotos.

Er ist groß, dunkle Locken. Er war immer irgendwie präsent, er war bekannt, beliebt. Er war intelligent und qualifiziert, interessiert und unsicher genug sich auch zu hinterfragen. Er hatte Ideen und war sehr begeisterungsfähig. Er war auch solide und uneingebildet, gradlinig. Er war erfolgreich, führte, kreierte und diente …irgendwann drang er sogar für eine kurze Zeit in einen Bereich ein, den ich, ohne Absicht, nur gefühlt, für mich nur sehr nahestehenden Menschen reserviert wähnte. Er war auch geeignet ein Vorbild zu sein und Menschen schauten zu ihm auf und wollten seinen Rat.

Irgendwann kam aber etwas durcheinander und sein Leben entwickelte sich anders …schlechter würden manche sagen, freier würden es andere nennen. Hier wird die Spur für mich schwächer und schwächer, mein Interesse schwindet, obwohl das so nicht stimmt, ich unterschätze, verschätze oder beschönige, aber das Interesse an der Person wird nicht schwächer, das Interesse an den Dingen dieser Person ja, sie sind nicht so digitalisiert, wie es für mich praktisch gewesen wäre …

Er verpasste wohl irgendeine Kurve im Leben, vielleicht war es mit Absicht, vielleicht war er gewissen Dingen gegenüber überdrüssig, vielleicht war es auch nur der ganz alltägliche Wahnsinn des Hire&Fire, des Überflüssigmachens von „Human Capital“, diese ganze verdammte Notwendigkeit zur Lohnsklaverei. ich weiß es nicht. Ich könnte sicherlich danach fragen, ebenso wie ich danach fragen könnte ob er sich in sein „Schicksal“ fügte oder ob er resignierte oder ob er durchaus bereit war die Situation zu ändern …das alles könnte ich erfragen, nur wie gut sind die Antworten?

Ich kenne Menschen, die würden alles tun um den Demütigungen zu entgehen, die man erdulden muss, um das zu bekommen, was in einem der reichsten Länder der Erde Hartz IV genannt wird. Die sich bereitwillig als 1-Euro-Sklaven und Aufstocker verdingen, nur um nicht noch den letzten Rest ihrer vermeintlichen Würde zu verlieren. Eine Würde, die zweifelsohne nur im Auge des Betrachters liegt und manche dieser Betrachter sind einfach nicht relevant. Und ich kenne Menschen, deren größtes Problem es ist, dass das „Fordern“  der Agentur, der Regierung, des Staates und seiner Bevölkerung (in deren Namen das „Fordern“ angeblich sein soll) so absurd wird, dass es besser ist auf das „Fördern“ auch noch zu verzichten. Menschen die in ihrer extrem knapp bemessene Zeit mehr für die Menschheit leisten als so mancher „übergeförderte“ Konzernchef. Ich weiß nicht wo auf diesem Kontinuum sich dieser Freund befand, der am Freitag verstarb. Vielleicht war er auch zwischen diesen Extremen hin- und hergerissen und dies führte schließlich zu dem was am Freitag geschah. Diese Zerissenheit kann einen Menschen  körperlich beeinträchtigen, was in seinem Fall wohl gewesen sein soll, wie gesagt, seine Spur war schwach, vielleicht konnte ich sie nicht mehr richtig lesen, bzw. deuten.

Ihn traf der Schlag und er erholte sich nicht mehr …vielleicht war es sein körperlicher Zustand, vielleicht war die Rettung zu langsam, vielleicht war es auch seine Entscheidung. Kausalkette, Zufall, Wille …er starb am Freitag … friedlich, so wird berichtet, die Spur verstärkt sich kurz, es standen viele Freunde an seinem Bett auf der Intensivstation, als er starb, friedlich…

Ich bekam einen Anruf, eine Stunde nach seinem Tod, Ich kannte ihn einmal sehr gut, ich kannte ihn jetzt „nur“ noch und sitze hier und betrachte Fotos auf totem Holz. Ich verfolge die Spur zurück und sie wird immer stärker. Er war präsent, groß, muskulös, gradlinig, qualifiziert, intelligent, uneingebildet, führend und voller Ideen. Andere gehen diese Spur auch zurück, sie lesen sie anders, deuten sie anders …ich werde die Bilder auf totem Holz digitalisieren und, zumindest theoretisch, wird somit auch seine Spur auf ewig weitergehen und wir haben sie immer dabei …

Vielleicht sitzt ja wirklich irgendwo jemand an einem besseren Ort und macht Häkchen auf einer Liste mit vielfältigen Eigenschaften und Situationen, die ein Mensch annehmen und durchleben kann. Und vor ihm steht der Freund der am Freitag verstarb und der, der die Häkchen auf der Liste macht sagt …Herzlichen Glückunsch, treten sie ein, bei den vielen Häkchen war ihr Leben ziemlich perfekt.

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2 Responses to Spuren …

  1. Knarzi says:

    Respekt, treffender und sehr schöner Nachruf.

  2. Oli says:

    Ein ganz hervorragender Text.

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