Toleranz ist nicht beliebig

Am Donnerstag abend haben Mono Inc. im Columbia Club gespielt und ich muss keine großen Worte dazu verlieren – es war fantastisch! Ich finde deren Musik einfach großartig, weil sie nur aus Ohrwürmern zu bestehen scheint und man aus dem Tanzen nicht mehr rauskommt. Und gestern war, obwohl es galt das neue Album vorzustellen, (fast) alles dabei was ich hören wollte und das auf einer Länge von über zwei Stunden. Ein weiteres Kompliment geht an die Supportband Lord of the Lost, die nicht nur optisch was hermachen sondern auch ein wirklich guten Gothrock spielen. Die Bilder kann man sich wie immer hier anschauen …

Es war ein nahezu perfekter Konzertabend …allerdings nur „nahezu“ und das ist der eigentliche Grund für diesen Blogpost, denn ich muss da mal was loswerden und vorallem erklären…

Seit Wochen gab es keine Gelegenheit mehr sich mal wieder so richtig ausgehtechnisch herauszuputzen und deshalb habe ich mich sehr auf das Konzert gefreut und mir sogar das Auto der Gefährtin geborgt um ja nicht durch witterungsbedingte Einflüsse den äußeren Eindruck zu beschädigen und dann komm‘ ich am Columbiaclub an und was muss ich sehen?

Selbstverständlich gab‘ es auch jene, die sich dem Anlass entsprechend kleideten, aber bei einem Großteil war ich mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht doch aus Versehen im ZDF-Fernsehgarten gelandet bin.

Es war so unglaublich, dass ich mich schon wie ein Äußerlichkeiten-Nazi anhörte …

Denn was man zusehen bekam war grausam…

…zudem beige und braune T-Shirts, Cargohosen und Feldmützen, Karoflanellhemden, Kreppsohlenschuhe und ähnliche Geschmacksverirrungen, ich war sprachlos …

… wie kommt man darauf so auf ein Gothic-Konzert zu gehen?

Natürlich durfte ich mir darauf die ganze Litanei von Intoleranz bis zum Neidvorwurf gegenüber kommerziell erfolgreichen Künstlern anhören. Auch sehr beliebt natürlich der Vorwurf, dass Mono Inc. genaugenommen auch keine gothic Band sei etc. pp.

Also, ich streite mich nicht darüber ob mir ein Musikstil gefällt oder nicht, genauso wenig wie es mir relativ egal ist, was der eine oder andere als „gothic“ versteht, da kann man sowieso streiten bis man schwarz wird. Und um es mal klar zu sagen, ich bin auch kein dogmatischer Mainstreamgegner.

Gothic ist (genau wie andere „Szenen“ auch) verbunden mit einem Lebensgefühl und nicht „nur“ ein Musikstil. Wenn man die Musik gutfindet, sollte man auch das dahinterstehende Lebensgefühl verstehen und achten und wenn man sich dann noch in das entsprechende Umfeld begibt sollte man sich zumindest ein wenig dementsprechend verhalten um nicht diejenigen zu beleidigen, die in diesem Lebensstil aufgehen. Ich verlange nicht viel, aber ist es denn so schwer sich ein paar schwarze Klamotten anzuziehen und die Fjäll-Wolfface Jacke in SOS-Orange an der Garderobe abzugeben? Ich habe keine Lust mir eine tolle Atmosphäre durch Leute kaputtmachen zu lassen, denen die Beliebigkeit dessen was sie tun schon zu den Ohren herauskommt. Die alles was nur irgendwie von Boulevardmedien gehypt wird mitspielen, jeden noch so dämlichen Plunder zum Trash erklären und dabei jeden Sinn von Individualität auf den Altären des Kommerzes opfern. Wer unbedingt meint bunte Hawaiihemden und Strohhüte tragen zu müssen, darf das von mir aus gerne tun, aber dann bitte am Ballermann auf Mallorca und nicht auf dem M’era Luna. Und wer gern HipHop hört hat mannigfaltig Möglichkeiten, dafür muss man nicht ein Festival machen mit einer kruden Mischung aus Bands, die lediglich die CD-Verkaufszahlen gemeinsam haben. Dies alles dient nur dem Kommerz und der seelenlosen Industrie, die dahinter steht und über uns lacht, weil sie uns mit ihren künstlichen Moden in ihr massentaugliches Produktschema hineinnivellieren will um uns mit billigsten Fließbandproduktion das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich will das nicht und deshalb wehre ich mich gegen diese Beliebigkeit auch wenn das von vielen nicht verstanden wird.

Und wenn, wie am Beispiel der Band Unheilig geschehen, man den unbedingten und totalen kommerziellen Erfolg will, dann ist es für mich untragbar, wenn dies mit Mitteln geschieht, die ganz klar nichts mehr mit dem zutun haben, was man eigentlich propagiert. Natürlich liegt es nahe, die „Exotik“ auszunutzen mit dem Ziel sich darüber ins Gespräch zu bringen, aber ich lehne das vehement ab und da bin ich auch nicht mehr bereit darüber zu diskutieren und da nützt es auch nichts, dass es trotzdem noch das eine der andere gute Musikstück gibt, den wie gesagt gothic ist mehr, wie nur die Musik und dieses „mehr“ ist eben nicht mehr existent.

Also hört mir auf mit eurer Relativiererei, eurem „Verständnis“, eurer ach so tollen Toleranz gegenüber einem unerträglichen Niveau, welches nur darauf angelegt ist euch zu Schafen zu machen, die bereitwillig jedem den Geldbeutel zu öffnen, der euch das Denken abnimmt …

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One Response to Toleranz ist nicht beliebig

  1. UWP says:

    Du mußt echt mal wieder entspannter werden. Gothic zeichnet sich gerade durch massivste Toleranz aus, weshalb bis heute kein Fascho-Verein es je geschafft hat, die Szene zu unterwandern: hier geht Gleichgültigkeit & Toleranz Hand in Hand. Was auch logisch ist, Todessehnsucht, Melancholie u.ä. verlangt ja eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Und wenn ich es genau überdenke, ist gerade die Gleichgültigkeit das, was mich a) nach Berlin und b) in die dunkle Szene getrieben hat. Weil ich machen kann, was ich will. Es gibt auch Leute, die es auf die Spitze treiben, the Dirkness geht manchmal gerade zu Dresscode-Black-Abenden komplett in weiß. Ich finde das sehr gut! Wenn Du Gruppendruck brauchst, bist Du in der falschen Liga, dann mußt Du bei Deinem Fußball bleiben. Dort pflegt man schon traditionell „alle müssen gleich sein“ und wer’s nicht ist, wird geplättet. Not my Lifestyle. Mal abgesehen davon: Goth war zwischendurch immer mal kurz hip und es kamen komische Leute. Die gingen auch wieder. Der Vorteil: es gab auch welche, die hängenblieben. Nur wer an der Freiheit naschen kann, hat die Chance, sie für sich zu vereinnahmen. Wir alle waren mal Mainstream. Ohne frisches Blut gäbe es irgendwann gar keine Clubs & Veranstaltungen mehr. Ich bin weiterhin für komplette Freiheit. Du kannst ja weiterhin Deinem Dreßcode-Faschismus nachhängen, er wird Dir letztlich nur schaden.

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