Ich denke, also bin ich St. Pauli!

Also …

…es geht um ein Bloggerprojekt, welches sich die Herren vom Magischen FC Blog und dem Lichterkarussell Blog ausgedacht hatten und bei dem ich, so wie’s aussieht ziemlich hinterherhänge. Aber immerhin habe ich jetzt alle bisherigen Beiträge verinnerlicht und kann nun hemmungslos plagiierenelaborieren, was mir wichtig erscheint…

Auch bei mir waren es mehrere Stationen, bis ich endlich da angelangt bin, wo ich jetzt stehe. Es ging und geht bei diesen „Stationen“ um Fußball, aber bei St. Pauli geht es um mehr als nur um das Spiel. Es ist Teil einer Entwicklung, Teil eines Lebensentwurfs und damit weit mehr als simples Vergnügen. Anders als einige Vorschreiber1 es interpretieren, sehe ich Nick Hornbys These, wonach sich nur wenige einen Fußballverein aussuchen, da dieser einem schlichtweg gegeben wird, als durchaus vertretbar an. Mir wurden die Vereine aufgrund der jeweiligen Lebensumstände gegeben, so auch schlussendlich der FC St. Pauli.

Deshalb werde ich Euch zunächst mit einer detaillierten Beschreibung meiner persönlichen, fußballfanatischen Entwicklung langweilen, damit klar wird warum es so kommen musste (und um den mich umgebenden Odem des „Modefans“ überzuparfümieren) um dann in einem pathetischen, aber in jedem Wort ernstgemeinten Appell  zu schließen …wohlan!

Aber warum denn ausgerechnet St. Pauli?

Geboren und aufgewachsen bin ich in Stuttgart. In unserer Familie war Fußball immer ein fester Bestandteil, vor allem wegen meinem Großvater, der bis ins hohe Alter sportlich aktiv war unter anderem auch beim Fußball. Alle 2-3 Wochen besuchte er uns und dann stand am Samstag ein Stadionbesuch an. Er war ein Fan der Blauen und ich freilich der Roten. Ob es ins Waldau-Stadion oder ins Neckarstadion ging, hing davon ab wo gespielt wurde und es war auch völlig egal, denn mit dem Opa ins Stadion war immer ein Erlebnis. Samstags 18.00h war die Sportschau Pflichtprogramm und mein Vater beendete dafür immer seine Büro- oder Gartenarbeit, was unter der Woche nur zur Tagesschau üblich war. Ich selber habe nie in einem Verein gekickt, was bei der Reisefreudigkeit meiner Eltern schlichtweg nicht möglich war. Diese Reisefreudigkeit (vor über 30 Jahren mit dem Wohnmobil durch Nordafrika u.ä.) hat mir und meiner Schwester schon früh beigebracht, dass die Welt bunt und die Vielfalt die Normalität ist. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit waren in unserer Familie Fremdworte. Auch Homophobie war kein Thema, Dumme-Jungen-Sprüche wurden von meinem Vater missbilligt und auch entsprechend geahndet.

Pubertät und Adoleszenz in den glorreichen 80er Jahren, Samstagnachmittag beim Mofa- und Mopedschrauben mit Fußballliveübertragung im Radio, das war der Standard. Vom Popper zum Punk zum Heavy-Metal-Fan, Kuttenträger und später erste Orientierung Richtung gothic. Politisch konservativ mit enormem Linksdrall. Es war die Hochzeit der Hausbesetzerszene nicht nur in Hamburg und Berlin, auch in der Stuttgarter Neckarstrasse gab es Aktivisten und einige davon kannte ich. Da sah ich zum ersten Mal die Insignien, Buttons und T-Shirts mit einem Totenkopf und St. Pauli darauf – es ging um einen Fußballverein, den ich bis dahin nur als Fahrstuhlmannschaft am Rande wahrgenommen hatte. Was zunächst passierte war, dass ich Fan der Fans wurde2.

Dann kamen die 90er und ich zog nach Berlin um an der Freien Universität BWL zu studieren. Als irgendwann 1992 die Übertragungsrechte für die Bundesliga nicht mehr an die Öffentlich-Rechtlichen gingen sondern an irgendeinen dubiosen Vermarkter mit der Folge, dass die Sportschau bedeutungslos wurde und Sat1 mit seiner „Fußballshow“ eine von Fußball unterbrochenen Dauerwerbesendung startete, kam es zum ersten größeren Knacks zwischen mir und dem Profifußball. Das war einfach unerträglich, ebenso wie die fortschreitenden Debatten um veränderte (weil profitablere) Anstoßzeiten, Hoeneß und Beckenbauer mit ihren Schmähungen gegenüber dem nationalen Fußball etc. pp… zudem hatte mein Freundeskreis in dieser Zeit mit Fußball so gut wie nichts am Hut und Berlin selber war zu dieser Zeit auch keine Stadt mit einer leidenschaftlichen Fußballbegeisterung. Aber immerhin existierte eine intakte linke Szene und man hatte das Gefühl, dass die Mainzerstraße in Berlin und die Hamburger Hafenstraße irgendwie einen direkten Draht zueinander hatten und immer wieder blitzte irgendwo der Jolly Roger auf. Ich sympathisierte in dieser Zeit heftig mit dieser Szene, allerdings war auch hier Fußball nicht das großes Thema. Irgendwann  Mitte oder vielleicht schon Ende der 90er Jahre war ich mal an einem Wochenende in Hamburg und fuhr durch die Stadt auf der Suche nach einer Tankstelle und landete an der Tanke Neuer Kamp und dies kurz bevor der magische FC spielte. Ich stand also an dieser Tankstelle und um mich herum strömten die Fans ins Stadion am Millerntor und was für Fans …solche Fans gab es bei keinem anderen Verein…

Trotz allem dauerte es noch bis zum Mai 2002 bis ich endlich und nur durch einen Zufall die Möglichkeit hatte ein Spiel des FC St. Pauli am Millerntor zu sehen. Es war gegen Nürnberg und St. Pauli hatte zwar am Ende mit 2:3 verloren, aber seither war ich offiziell St. Pauli-Fan…

In der Folgezeit übernahm der Kommerz immer mehr die Bundesliga, 2001 verkaufte der HSV seinen Stadionnamen an einen zweifelhaften Onlinedienst und andere taten es nach. Der VfB hielt ziemlich lange durch, die Umbenennung von Neckarstadion in Gottlieb-Daimler-Stadion war noch verkraftbar. Dann wurden neue Anstoßzeiten durchgedrückt, gegen den Willen der Fans. Vereine bauten Event-Arenen, jeder Furz wurde von Sponsoren präsentiert, Fangesänge wurden durch Werbejingels verstümmelt und erfolgreiche Mannschaften auseinandergerissen um auf dem Transfermarkt Kohle zu machen. Die internationalen Wettbewerbe wurden mit Gruppenphasen ausgedehnt um noch ein Maximales an Profit herauszuschlagen Vereine wurden in „Wirtschaftseinheiten“ gespalten bis hin zur Auslagerung der 1. Mannschaft als eigenständige GmbH und so weiter und so fort, Profitstreben war das einzige Ziel, Fußball (und mithin der ganze Profisport) nur noch ein Geschäft. Aber das Allerschlimmste war, dass das Publikum immer beliebiger und immer chauvinistischer wurde und anfing diesen kommerziellen Wahnsinn als unabdingbar anzusehen, ebenso wie den ganzen neoliberalen Müll der uns seither als alternativlose Wahrheit verkündet wird …Fussball interessierte mich immer weniger.

Ab und zu gab es jedoch immer wieder ein paar Lichtblicke: 2003/2004 der Fast-Abstieg der Hertha, verhindert durch Hans Meyer, was hatten wir Spaß – Galgenhumor Galore. Der 1. FC Union stand 2001 im Pokalfinale gegen Schalke und spielte anschließend sogar im Europapokal. 2007 wurde der VfB mit den „jungen Wilden“ deutscher Meister, was ich erst fünf Spieltage vor Saisonende richtig mitbekommen hatte und natürlich der unaufhaltsame Aufstieg des FC St. Paulis von der dritten in die erste Liga.

Im September 2009 habe ich dann einen Twitter-Account eingerichtet und entdeckte etwas Wunderbares: Computeraffine Menschen, die gleichzeitig Fussballfans waren und noch die meisten davon FC St. Pauli-Fans. Mit einem Mal hatten die wochenendlichen Fußballübertragungen wieder ihren zuvor längst verlorenen Reiz zurück, ich sah die Übertragungen und las nebenher die Twitterkommentare dieser virtuellen Fans.

Dann, irgendwann um den 17.04.2010 herum, rief mich ein Freund an und vermeldete, dass er Karten für das Spiel 1. FC Union – FC St. Pauli an der alten Försterei hätte und selbstverständlich war ich mit von der Partie, als dann meine Blogger-, Twitter- und RL-Freundin Frau @Claudine verkündete, dass sie auch anwesend sei und zwar mit einigen mir virtuell bekannten, twitternden St. Paulianern habe ich förmlich auf ein anschließendes Treffen gedrängt und dann lernte ich Frau @Jeky, Herrn @Sparschaeler und Herrn @ring2 kennen und seitdem hat meine fast 30 jährige, reichlich diffuse Anhängerschaft zum FC St. Pauli nun einen Ankerplatz …

Es folgten Aufstiegsfeier, AFM-Mitgliedschaft, Saisonauftakt in Freiburg, das Zittern und Bangen um Heimspielkarten und um weitere tolle Menschen rund um diesen tollen Verein…

Und was nun?

Der FC St. Pauli ist für mich der Gegenentwurf zum herkömmlichen (Profi-)Fussballverein und damit auch ein Gegenentwurf zum real existierenden Kapitalismus. Ich bin kein Dogmatiker, ich stehe einem Gewinnstreben keinesfalls negativ gegenüber, aber ich hasse das betriebswirtschaftliche Prinzip der (materiellen) Gewinnmaximierung, ich sehe darin überhaupt keinen Zweck und schon gar nicht bei einem Sportverein. Ich bin der unumstösslichen Meinung, dass es Fussball nur wegen den Fans gibt und nicht aus Selbstzweck. Das impliziert, dass der Fan der Dreh- und Angelpunkt für die Entwicklung sein muss. Und was in der Wirtschaft das Buhlen um Kundenbindung ist, ist beim Verein das Buhlen um die Loyalität und Treue der Fans. Einmalkunden (Eventzuschauer) sind nützlich, aber auf Dauer kann man von ihnen nicht leben und erst recht nicht mit ihnen planen.

Der gemeine St. Pauli Fan ist anders, er hat eine politische Meinung und vertritt diese auch, er wehrt sich gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus, Umweltzerstörung und soziale Missstände und hebt sich UND den Verein damit ab vom Entertainmentgedanken des Profifussball der DFL, der UEFA und der FIFA. Dieses Credo ehrlich und engagiert zu vermarkten ist aus meiner Sicht mehr als legitim, ja sogar geboten. Das ist innovativ und zukunftsorientiert, insofern ist es ein Hohn, wenn Teile der Anhängerschaft die Sozialromantiker unter dem Jolly Rouge als „ewig Gestrige“ abtun. Als veraltet und ewig gestrig gelten jene, die sich den jahrhundertealten Gesetzen des Marktes unterwerfen und nicht bereit sind neue Wege zu gehen, auch wenn diese steiniger sind und uns gegenwärtigen Verzicht aufbürden. Kompensation erfahren wir durch das Spiel selber und einer traumhaft schönen Atmosphäre vor, während und nach den Spielen im Kreise von Freunden, die alle die gleiche Leidenschaft teilen. Und dank Blogs, Twitter, Facebook und Co. sogar immer und überall.

Zu pathetisch? Utopie? Gutmensch oder Weltverbesserer? Ja, zum Teufel, warum denn nicht? „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, doch es ist deine Schuld, wenn sie so bleibt“ trällern die Ärzte und damit haben sie so was von recht. Und das Beste dabei ist, wir müssen nicht in eine dämliche Partei eintreten, wir verändern die Welt aus einem Fussballverein heraus. Alles was wir dafür tun müssen ist dafür zu sorgen, dass der FC St. Pauli authentisch und „anders“ bleibt. Dafür müssen wir Fans zusammenstehen, denn WIR sind der Verein und sonst niemand. Wehren wir uns gegen den Kommerz mit allen Mitteln, lieber 2. oder 3. Liga mit Herz und Leidenschaft als seichte seelenlose „Events“ in  einem gemainstreamten Fußballoberhaus in welchem uns Leuchtreklame verkündet wann wir Begeisterung heucheln sollen. Sind wir politisch, nicht nur am Millerntor sondern als St. Pauli – Fans überall auf der Welt, wir lassen uns nicht als hirnlose, rassistische, homophobe und gewaltbereite Morlocks kriminalisieren und wir müssen den Fans anderer Vereine zeigen, dass Fußball ein Puzzleteilchen für eine bessere und gerechtere Welt sein kann. Das wünsche ich mir, denn dafür bin ICH Sankt Pauli!

Wenn es uns Fans nicht mehr gibt, dann gibt es auch keinen FC St. Pauli mehr und Fußball ist nur noch ein unbedeutender Teil der Matrix …

  1. vgl. hier und hier []
  2. vgl. hierzu []
This entry was posted in Erklärbär, fcsp, früher™, vom Baum der Erkenntnis genascht. Bookmark the permalink.

One Response to Ich denke, also bin ich St. Pauli!

  1. Pingback: Saisonauftakt in Stuttgart | Piratenbrigade 1910 Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.