Talkin' bout my Gentrification

Es gibt wenig Blogs bei deren Lektüre ich mich so unbehaglich fühle wie beim Gentrification Blog von Andrej Holm. Das liegt natürlich zunächst einmal am Thema selber und seinem unmittelbaren Niederschlag in meiner örtlichen Umgebung, was aber wirklich schmerzt ist das permanente Fremdschämen, den schließlich bin ich ein Teil dieser Fehlentwicklung…

Ich versuche mir dabei immer wieder einzureden, dass dies eben eine Zwangsläufigkeit in unserer kapitalistisch dominierten Gesellschaftform ist, andererseits ist diese Gesellschaftsform eigentlich keine Zwangsläufigkeit, wogegen ich mich ja verwahre (was sich in manchen Aussagen in diesem Blögchen hoffentlich auch widerspiegelt).

Ich bin ja eigentlich auch nicht so der 100%ige Verursacher, denn obwohl ich peinlicherweise sogar noch den Dialekt der meisten Zugezogenen spreche habe ich mich nicht sinnlos vermehrt, gehe nicht in Restaurants die „am Sößchen“ kredenzen, frequentiere die Klubs, die nun mit Klagen überzogen werden, gehe gegen „Gated Communities“ auf die Straße und trinke keine „Latte“ …wohl aber wollte ich auch eine schicke sanierte Altbauwohnung mit Aufzug, Zentralheizung und mit innenliegender Toilette.

Als ich 1990 zum Studium nach Berlin kam wohnte ich, wie die meisten meiner Kommilitonen aus Wetsdeutschland irgendwo in Westberlin. Tempelhof, Lankwitz, Steglitz, Friedenau etc. …Einer wohnte in Kreuzberg auf 15 Quadratmetern mit Kohleheizung und Außentoilette. Die Kommilitonen mit ostdeutscher Sozialisation wohnten alle eher Richtung Marzahn und Hellersdorf nur einer in der Wörther Straße. Die ersten Wochen war unser bevorzugtes Revier Kreuzberg, schließlich kannten wir uns da aus und nach kürzester Zeit lernten wir Menschen kenne, die schon längere Zeit dort wohnten und dementsprechend den Niedergang Kreuzbergs bejammerten …folgerichtig verlagerten wir, nun um die Kreuzberger Freunde verstärkt, unsere außeruniversitären Aktivitäten immer mehr Richtung Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain …

…ich könnte jetzt Anekdoten erzählen über das Tacheles, das Obst & Gemüse, U2, etc.. die Parties in den Kellern durch die man nur durch ein Fenster einsteigen konnte, weil die Kellertüre sich nicht mehr öffnen ließ, den Kontrollorganen, die großzügig wegschauten, der hohen Qualität der Drinks zum erstaunlich niedrigen Preis, 1. Mai am Kollwitzplatz usw. usf…. aber eines war schon damals allgegenwärtig: Die Bewunderung für diejenigen, die das vor ihrer Haustüre hatten und das Ziel es ihnen bei nächster Gelegenheit gleichzutun.

Als ich dann im Jahr 2000 nach einem kurzen Intermezzo in der bayrisch-schwäbschen Provinz in „mein“ geliebtes Berlin zurückkehrte wurde dieser Traum dann schließlich wahr, nur dass es diesmal nicht um eine Studentenbude ging und dank einer Erbschaft ich auch fest entschlossen war Wohneigentum zu erwerben … Und damit war ich nicht der Einzige.

Dumm nur, dass diese Anderen (hört sich ziemlich pauschal an, aber besser geht’s nicht) dann anfingen ihre „neues, aufregendes“ Leben am „Prenz’lberg“ so einzurichten wie sie es aus ihren schwäbischen, hessischen (und mittlerweile auch) sächsischen oder thüringerischen Provinzkäffern gewohnt waren und ich dieses Spiel nicht mitspielte …

Was mir nun am meisten Kopfzerbrechen macht ist die völlige Ideenlosigkeit und vielleicht auch Antriebsschwäche wie ich mich hierbei verhalten soll …Gut, meine Wohnung ist bezahlt und die Wertsteigerung der letzten Jahre ist exorbitant, es wäre ein leichtes die Wohnung zu verkaufen und dahin zu ziehen, wo man noch nicht mit ruhebedürftigen Spätgebärenden und deren kreischender Brut konfrontiert ist, aber bitte mit einem ähnlichen Ambiente …also (luxus)saniert. Wie lange würde das dann gutgehen? Andereseits: Wie wird’s hier werden, wenn in ca. 10-15 Jahren die lieben Kleinen ins drogenfähige Alter kommen? Es kein Geld mehr gibt um „am Sößchen“ essen zu gehen? Ist es vielleicht sogar ein Vorteil, wenn die zukünftigen Zivis jetzt schon bei den dann pflegebedürftigen Rentnern leben? Fragen über Fragen, bis dahin jedoch werde ich mich jeden Tag (fremd)schämen und betonen, dass ich so gut wie nix dafür kann …

Das obige Bild ist aufgenommen Ecke Greifswalder/Hufelandstr. und trotz der hässlichen kindgerechten Fingerfarbenpippi wird es nicht ein weitere Secondhand-Kinder- und Schwangerenklamottenladen mit angeschlossener Kita und Müttercafé sondern ein Buchladen, aber darin befand sich bis vor kurzem das Access, eine Heavy Metal-Kneipe, die für mich immer soetwas wie ein Fanal gegen den ganzen Irrsinn war und eine Art Last Ressort wenn die Latte mal wieder über die Bordsteinkante schwappte …

 

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12 Responses to Talkin' bout my Gentrification

  1. UWP says:

    Ich würde das jetzt gar nicht mal auf Schwaben, Hessen usw. beziehen. Es ist ein merkwürdiger allgemeiner Umstand, der auch nicht unbedingt nur Berlin betrifft. Guck Dir mal New York an: zuerst ist eine Gegend bäh wie Neukölln, z.B. Harlem. Dann ziehen die Freaks und Künstler ein, denn die haben wenig Geld. Wo diese Leute sind, ist aber auch Innovation. Leute, die Geld haben, haben meistens keine Zeit, benötigen also Innovationen von außen, weil man sich so selbst keinen Kopf machen muß und die Zeit weiterhin für’s Geld verdienen nutzen kann. Und wenn man schon so oft im Freak-Viertel ist, kann man dort auch gleich leben. Und spätestens ab da ändert sich die Struktur, das ist der Lauf der Dinge. In NYC spielen sie dieses Spiel seit den 60er Jahren. Früher war SoHo furchtbar böse, dann wurde es hip und teuer, also gingen die Freaks weiter nach Greenwich Village, dann wurde es auch hier teuer, dann kam Harlem und das gleiche in grün. Harlem ändert sich gerade. Nun gibt es schon Ideen zur Bronx. Gleichzeitig scheinen Gegenden wie SoHo & TriBeCa wieder runterzufallen, das Spiel wiederholt sich, es scheint ein Kreislauf zu sein.

    Letztlich ist dieser Kreislauf gut, denn er führt dazu, daß Gegenden immer mal wieder mit Geld aufgefrischt werden, bevor sie völlig wegschimmeln, weil das Geld fehlt. Daß das nicht-wohlhabende Volk dabei unter die Räder geraten kann, wenn sie bleiben, ist dabei leider ein Fakt. Das Ergebnis ist eine Art Vertreibung: Die Entwurzelten, die freiwillig umziehen, treiben die Festverwurzelten, die eigentlich nicht weg wollen, vor sich her. Unschön, ja. Aber was wäre die Folge, wenn man diese Entwicklung mit aller Kraft unterbinden würde, wenn man es denn könnte?

    Seit wir aus Neukölln weg sind, sieht es so aus, als könnte es auch da bald hip werden, denn: die Preise steigen. Spätestens ab da wird sich auch die Bevölkerungsstruktur ändern. So ist es nunmal. Wenn alles statisch bliebe, wäre das Leben doch viel zu langweilig!

    Ich würde sagen: das Festhalten an alten Strukturen um jeden Preis kann auf lange Sicht nicht funktionieren und ist nur kontraproduktiv. Nichts im Leben bleibt statisch. Da nützen auch die wohlgemeinten Ratschläge von Ober-Stadtplanern nix, die Mechanismen sind, wie sie sind.

    Eigentlich heißt das: ja, verkauf die Hütte, solange sie so viel wert ist und kauf Dir in Neukölln ’ne billige neue. Und in 5-10 Jahren spielst Du das Spiel wieder. Ich sehe keinen anderen Weg.

    • foxxi says:

      Also konstatierst Du eine Zwangsläufigkeit. Damit gehe ich ja grundsätzlich auch konform solange die Ursache, nämlich ein ungehemmter Kapitalismus nicht in „vernünftige“ Bahnen kommt …

      Es ist nur traurig: Magnet weg, Knaack weg …rausgeklagt von schwäbischen Vollidioten, dass ist mir eben peinlich. Und wenn Du die nachfolgenden „Gewerke“ anschaust – zum Kotzen!

  2. UWP says:

    1. Zwangsläufigkeit ja, ungehemmt eher nein. Das Problem sind die schleichenden Prozesse vorweg. Und die sind meistens noch nichtmal Geld-getrieben, sie sind innovations-getrieben. Geld kommt nur danach, um ALLES zu übernehmen. Ich wüßte nicht, wie man aus der Nummer rauskommt. Das ist kein reines Kapitalismus-Problem, hier geht’s auch um gesellschaftliche Denkweisen.

    2. Fremdschämen: Also nur weil Deutsche sich in Malle wie die Hirntotesten Urmenschen benehmen, schäme ich mich noch lange nicht für die. Und es geht mir auch völlig am Arsch vorbei, was Leute machen, die mit mir irgendwas gemeinsam haben könnten (gleiches Land, gleiche Stadt, gleiche Sprache, was auch immer). Jeder ist für sich selbst verantwortlich, eine Gruppen- oder Sippenhaftung sollte bei längerem Nachdenken ausgeschlossen sein.

    Natürlich lästert man oft über DIE Schwaben, die den Prenzlberg zerstören, aber es sind doch nicht alle Schwaben so, nur weil sie die gleiche Herkunft haben. Das eine ist Klischee, das andere ist die Realität. Das Klischee auszuweiten und als Argument zu benutzen, wäre nichts anderes als Rassismus: „Die mit dem Attribut X sind alles Idioten!“

    Insofern: Stop your Fremdschämen!

  3. Dieser Prozess ist keineswegs so zwangsläufig wie von Foxxibär erfragt und von UWP als alternativlos bestätigt.

    Eine der ganz entscheidenden Ursachen für die empfundene Hemmungslosigkeit und Zwangsläufigkeit dieser Prozesse in Berlin hängt damit zusammen, dass die Stadt ihren Wohneigentum dem Markt überlassen hat.

    Völlig unabhängig davon, ob man Kapitalismus komplett unerträglich oder ganz fantastisch findet — die Grundbedürfnisse und Grundrechte der Menschen können nicht von Kapitalinteressen und Marktmechanismen geregelt werden. Das gilt für Gesundheit und Bildung genauso wie für erschwinglichen Wohnraum.

    Wien ist vielleicht das beste Beispiel, wie öffentlicher Wohnungsbau – wohlgemerkt, nicht sozialer Wohnungsbau, sondern schlicht öffentlicher Wohnungsbau – solch absurd-exzessiven Kreislaufprozesse vorbeugen kann.

    Denn die Alternative ist doch keineswegs: reiner Markt und tolle, aufregende Erneuerung auf der einen Seite, oder öffentlicher Wohnungsbau und wegschimmelnde, langweilige Stagnation auf der anderen Seite.

    In Wien gibt es alles mögliche: Integrationsprojekte, ökologische Experimentalbauten, autofreie Siedlungen – eine tolle Stadt zum Leben und Wohnen, dass kann ich auch als Berliner neidlos anerkennen. Mehr Infos zu Wien hier.

    Ginge in Berlin genauso, es bräuchte schlicht den politischen Willen. Die homogene Terrorfront der „Spätgebärenden und deren kreischender Brut“ ist keinesfalls eine unabdingliche Folge von unabdinglichen Prozessen der notwendigen Erneuerung. Es ist das beschissene, frustrierende Ergebnis von einer dümmlichen Verweigerung der Berliner Politik, sich im öffentlichen Wohnungsbau massgeblich zu engagieren.

    • foxxi says:

      „…die Grundbedürfnisse und Grundrechte der Menschen können nicht von Kapitalinteressen und Marktmechanismen geregelt werden.“

      Richtig…wie üblich macht eben die Dosis das Gift und hier herrscht eindeutig Überdosierung.

      Übrigens ich hatte die Spätgebärenden mit dem Attribut „ruhebedürftig“ versehen :-), das ist wichtig, weil dieses plötzliche Ruhebedürfnis nun dazu führt, dass das ehemals so aufregende Nachtleben hier mittels Klagen befriedet werden muss.

  4. Warts mal ab. Die Kinder vom Prenzlauer Berg werden sicherlich mal ganz anders leben wollen als ihre Eltern. Also sind in spätestens 15 Jahren Reihenhäuser in Leinfelden-Echterdingen total hip und abgefahren. Dann hast du da am Friedrichshain ein 1A Rentnerghetto und wieder deine Ruhe vor der Brut, bzw. es wird wieder etwas mehr Platz sein.

  5. mark793 says:

    Das ist mal ein Beitrag, der sich wohltuend abhebt von den üblichen holzschnittartigen Einlassungen zum Thema. Denn hier wird auch die eigene Rolle als Rädchen im Gentrifizierungsgetriebe reflektiert.

    Ich hatte übrigens lange das Vergnügen, in einem Viertel einer westdeutschen Großstadt zu wohnen, das Ende der 80er auch schwer angesagt war bei alternativen und kreativ angehauchten Leutchen, mit hohem Altbau- und Ausländeranteil, günstigen Mieten und allerlei szenerelevanten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Warum auch immer, aber irgendwie kriegte das Viertel nicht so recht die Kurve, kam aber auch nicht von heute auf morgen total auf den Hund. Nachdem immer mehr Freunde und Bekannte wegzogen, machte es irgendwann keinen Spaß mehr. Mit Anfang 40 fragt man sich dann schon, ob man jetzt dauerhaft im Loserviertel versacken will mit schlechtem Schufa-Score oder ob man doch noch mal die Kurve kriegt und irgendwo anders neu anfängt. Wenn ich alle Jubeljahre mal wieder in die Gegend komme, kriege ich Krämpfe, wenn ich sehe, wie wenige alteingesessene Geschäfte noch übrig geblieben sind und wie das Quartiermanagement gegen den weiteren Abstieg des Viertels kämpfen muss.

    • foxxi says:

      Nicht wahr, vorallem wird einem in so einer kleinen Selbstreflektion bewußt wie fürchterlich „mainstream“ man doch eigentlich ist und nicht die Avantgarde, die man zu sein glaubt. Meine Rolle in diesem Drama „Gentrifizierung“ ist hinreichend beschrieben und erforscht 🙁

      Was das „Loserviertel“ anbelangt, irgendwie habe ich das Gefühl, dass es neben einer gewissen Zwangsläufigkeit vielleicht auch einen Zyklus für die Attraktivität von Wohnvierteln gibt. Kreuzberg ist hier ein gutes Beispiel für ein Auf- und Ab …und das was ich über die zukünftig Pupertierenden geschrieben habe wird dem Prenzlauer Berg zum Verhängnis werden, da bin ich ziemlich sicher.

  6. mark793 says:

    @auf und ab: Ja, und der Wedding ist schon seit 30 Jahren im Kommen, wie mir am WE Seestraßen-Bewohner mit Augenzwinkern mitteilten, als wir bei „i due forni“ in der Schönhauser saßen.

    Sicher gibt es eine gewisse Zyklik, wie zum Beispiel auch für das übergreifende Thema Stadtflucht/Landflucht. Aber in der kurzfristigeren Perspektive sind die Folgen der Zu- oder Abwanderung bestimmter Bevölkerungssegmente erst mal nicht reversibel.

    Ich hatte gegen Ende meiner Mannheimer Zeit dazu ein sehr interessantes Gespräch mit einem Milieuforscher, der meine subjektiven Eindrücke aus der Neckarstadt-West durchaus mit empirischen Befunden untermauern konnte.

    Lässt sich auf das 10x größere Berlin natürlich nicht 1:1 übertragen. Und Bezirke wie Kreuzberg oder Wedding kann man, wenn man bisschen näher hinguckt, nicht ohne weiteres über einen Kamm scheren. Selbst ich als Ortsfremder wäre in der Lage, sowohl im Wedding als auch in Kreuzberg ein paar attraktive und interessante Ecken zu finden.

    Ob ich meine Tochter dann dort zur Schule schicken wollte, wäre aber nochmal ne andere Frage. 😉

  7. Das muss hier einfach nochmal rein.

    • foxxi says:

      Ach, wie wahr …*fuck*

      1. Little boxes on the hillside,
      Little boxes made of ticky-tacky,
      Little boxes, little boxes,
      Little boxes, all the same.
      There’s a green one and a pink one
      And a blue one and a yellow one
      And they’re all made out of ticky-tacky
      And they all look just the same.

      2. And the people in the houses
      All go to the university,
      And they all get put in boxes,
      Little boxes, all the same.
      And there’s doctors and there’s lawyers
      And business executives,
      And they’re all made out of ticky-tacky
      And they all look just the same.

      3. And they all play on the golf-course,
      And drink their Martini dry,
      And they all have pretty children,
      And the children go to school.
      And the children go to summer camp
      And then to the university,
      And they all get put in boxes
      And they all come out the same.

      4. And the boys go into business,
      And marry, and raise a family,
      And they all get put in boxes,
      Little boxes, all the same.
      There’s a green one and a pink one
      And a blue one and a yellow one
      And they’re all made out of ticky-tacky
      And they all look just the same.

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