Stagnationsblues

(Gutgemeinte) Warnung: Der folgende Post ist so gnadenlos selbstreferentiell, dass die Heide wackelt. Zweck ist es nach Komplimenten zu fischen und zwar mit im höchsten Maße delphinunsicheren Schleppnetzen. Wahlweise dient er auch dazu sich hemmungslos über den Autor lustig zu machen, ihn mit Schadenfreude zu überschütten, bzw. ein gepflegtes „selber Schuld“ in den Raum zu stellen. Mildes Mitleid wäre auch eine Form der Aufmerksamkeit, höchstwahrscheinlich wird jedoch eher beredete Ignoranz die häufigste Reaktion sein. Lediglich von, auch wohlmeinenden, Ratschlägen bitte ich Abstand zu nehmen. Dies wäre in der Gemengelage, Frust, Weltschmerz und kognitiver Dissonanz eher kontraproduktiv für mein gnadenlos zur Schau gestelltes Selbstmitleid…

Trotzdem lohnt es sich zumindest weiterzuscrollen, schließlich gibt es auch ein paar nette Bilder1

Die hochgeschätzen, wenn auch gemessen an der Anzahl wenigen Leser dieses Blögchens wissen, dass ich seit ungefähr September letzten Jahres eine gewisse körperliche Metamorphose durchlebt habe, was weniger an der in dieser Publikation veröffentlichten Zeilen liegt, als vielmehr dem Umstand geschuldet ist, dass 99,9% der Leser mich persönlichen kennen. Nun, der Grund ist einfach eine massive Form der Midlife-Krise mit einer enorm torschlusspanikbegründenden Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit. Die Methodik, welche die Veränderung herbeiführte ist indiskutabel, zumindest für vernunftbegabte Lebewesen ab der Entwicklungsstufe Amöbe aufwärts …

Ich habe heute mein Büro um ca. 17:30h verlassen und wollte ein paar kleinere Besorgungen machen, Wetter war gut und Freiburg lädt immer zum spazierengehen ein. Daraus wurde ein 2-Stunden Spaziergang kreuz und quer durch die südöstlichen Stadtteile. Zurück im Hotel habe ich mich im Hotel auf’s Laufband begeben um 56 Minuten bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,7 km/h zu schwitzen. Anschließend gab’s zwei Saunagänge und nun sitze ich hier in der Hotelbar und blogge.

Mir schmerzt jede einzelne Gräte, dabei mach‘ ich das jetzt ebenfalls seit September, zwar witterungsbedingt seit ca. Dezember in einer etwas abgeschwächten Frequenz, seit 14 Tagen jedoch steigt diese wieder an …Ziel ist es die Stagnation der letzten 2 Monate zu überwinden und durch den erhöhten Sportanteil bei gleichbleibender Ernährungslage nochmal einen gewissen Abwärtseffekt auf der Waage, vielmehr vor dem Spiegel zu erreichen…

Nun, mit meinen schmerzenden Gliedern …ach, das hatten wir schon… jedenfalls erlebe ich gerade ein gewisses Gefühl der Verzweiflung und das muss ich hier kundtun.

Wie gesagt stagniere ich seit ca. 2 Monaten, was einerseits diejenigen Lügen straft, die mich schon in die Ecke der Essstörungen verfrachten wollen, andererseits mir natürlich nicht gerade die Zuversicht gibt, dass ich jemals wieder ein normales Leben führen kann …

Die Symbolfigur für dieses Trauma ist natürlich unser ehemaliger Außenminister, es gibt kaum jemanden der einem so deutlich die Sinnlosigkeit dieses Treibens vor Augen führt – er ist mein personifizierter Jo-Jo-Effekt, welchen ich unter allen Umständen vermeiden möchte. Geradezu der Schürhaken zum Komplex ist dann eine Sendung wie  Markus Lanz vom 13.04.2010, die ich eigentlich nur zum Einschlafen eingeschaltet hatte. Neben einer, zugegeben (für meinen Geschmack) lecker verpackten, Tante, die die Vertreterin der Dick-ist-schick-Masche darstellte und zweier belangloser Gestalten aus der Riege der vermeintlichen Promis, die ihre Binsenweisheiten vortrugen und einem Moderator der einen infantilen Spaß mit irgendwelchen Gerätschaften aus der Elektrosexszene hatte (das erinnerte zweitweise an die Illustrierung der Dildos auf der Ehehygieneseite der Versandhausktaloge der 70er-Jahre, eine Blondine, die sich den „Massagestab“ gegen den Oberarm hielt und dabei ziemlich debil grinste …), gab es drei ernstzunehmende Experten, denen aber wegen dem ganzen Geblödel kaum Aufmerksamkeit zuteil wurde. Alle drei zeigten deutlich die Grenzen des Diätwahnsinns auf … und ich komm‘ nicht umhin, vielmehr ich befürchte, diese Grenze bei mir nun zu verorten …

Hinzu kommt ja noch folgende Überlegung: Das widerliche Gejogge ist ja bekanntlich die für irgendeine figürliche Relevanz einzige in Frage kommende Sportart …würde man z.B. einen Ball dazunehmen, käme der Faktor „Spaß“ hinzu und Spaß ist etwas für leptosome Weicheier …

Ich mache das nun kontinuierlich, in einem anerkannten Aufbau, und schaffe es einfach nicht nur irgendeine „Lockerheit“ in die Angelegenheit zu bringen …im Gegenteil, mich kotzt es jedesmal an, schon wenn ich die Laufschuhe anziehe. Natürlich grenzt es schon beinahe an ein Wunder, dass ich heute in der Lage bin überhaupt so lange zu laufen, aber auch hier zeichnet sich deutlich ab, dass ich wohl über eine gewisse prädispositive Schranke nicht kommen kann. So schaffe ich es wohl immerhin, eine halbe Tafel Schokolade zu kompensieren …man stelle sich das einmal vor 60 Minuten Blut, Schweiß und Tränen für vielleicht 7 Minuten Vergnügen …ein unglaublich idiotisches Verhältnis.

Ich entwickle gerade eine gewisse perverse Bewunderung für Marathonläufer, auch für diejenigen die 5 Stunden und länger benötigen – für mich ist das ein Buch mit 7 Siegeln und ich bin mittlerweile überzeugt, dass dies alles nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Ich meine 56 Minuten, bei 8,7 km/h …selbst wenn ich das durchhalten würde, würde ich 5 Stunden benötigen …ich habe aber schon das Gefühl nach 45 Minuten jämmerlich zu krepieren, wobei die Zeit zwischen Minute 10 und 45 eine einziges Tal der Tränen und der Verzweiflung ist. 56 Minuten repräsentieren sozusagen das letzte Aufbäumen vor dem finalen Zusammenbruch. Es ist schwer vorstellbar dies über ein signifikantes Maß hinaus zu übertreffen, allenfalls wenige Minuten könnte man diese Agonie noch verlängern …

Wenn nun aber alle Maßnahmen nur Stagnation zur Folge haben, was passiert dann beim Verlassen des Pfades? Ich will es eigentlich gar nicht wissen und noch weniger will ich es ausprobieren. Vielmehr sitze ich hier, schlürfe den zweiten Cocktail und schreibe diesen verkopften Mist und hoffe, dass meine Reinkarnation dereinst vor dem Hintergrund entweder einer anderen physischen Veranlagung, außerirdischer marathonkompatibler Modifikationen oder am einfachsten, in einer Gesellschaft mit einem realistischeren Schönheitsideal abläuft…

…morgen geh‘ ich ins Crash und freue mich, dass meine neue Hose knackig sitzt …obwohl noch knackiger auch nicht schlecht wäre.

1 Nein, ich habe das nicht alles heute getrunken, auch wenn es der Text vermuten lässt ...
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One Response to Stagnationsblues

  1. UWP says:

    Du schaffst das! Schmeiß doch noch ein paar zu große Klamotten weg! Wir alle sind zuversichtlich, daß Du weiter abnimmst! Bruhahaha!
    (Sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen, aber Du hast es wirklich sehr geil beschrieben, meinen ausdrücklichen Glückwunsch!)

    Mermgfurt,

    Udo

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