Instinkt

In einer riesigen Shopping-Mall in Kuwait City, irgendwann im April 2008, standen wir vor einem Shop der mit einen nett geschwungenen Schriftzug annoucierte, dass sein Besitzer Ed Hardy heißen würde. Das war doch beeidruckend. Zum einen war das Design ziemlich gewagt, ja schon fast subversiv für die eher konservative Umwelt auf der arabischen Halbinsel und zum anderen begeistert einen alten Rock’n Roll / Goth / Psycho wie mich so etwas schon.

Etwas zu kaufen war nicht wirklich drin. Sämtliche Klamotten waren Teenagergröße und für Handtaschen hatte wir nicht so die richtige Verwendung. Die angebotenen Uhren hingegen gefielen uns ganz gut, jedoch stellte sich heraus, dass die Qualität sehr zu wünschen übrig ließ und somit der horrende Preis nicht gerechtfertigt war. Nun denn, wenigstens ein Hoffnungsschimmer in der prüden Welt am persischen Golf.

Ein paar Wochen später standen wir in dem gleichen Laden nur in Abu Dhabi, entzückend … ein ganz nettes Hoodie , schwarz vorallem, wollte auch da nicht auf meinen westlichen Großkörper passen …aber was soll’s, der Aufdruck war auch etwas zu bunt  – im Nachhinein betrachtet.

Irgendwann im Spätherbst 2008 war ich in Berlin mit der Gefährtin unterwegs, als ich (ich weiß nicht mehr wo) ein Schaufenster erspähte in welchem die ausgestellten Waren das bezeichnete Design und den bewußten Schriftzug trugen …stolz erzählte ich Ihr von meinen „arabischen Erfahrungen“ mit dieser Marke und dass wir schlussendlich zu dem Ergebnis kamen, dass das zwar alles ganz nett sei, aber doch eher der zaghafte Versuch sich einen westlichen Lebensstil anzueignen. Die Gefährtin ließ meine Ausführungen mit einem Gesichtsausdruck über sich ergehen der eine Mischung aus Langweile, Spot und etwas das ich als ‚Mensch-Alter-Du-Bist-Sowas-Von-Ahnungslos-Mine‘ bezeichnen möchte.

Als ich zu Ende fabulierte erklärte sie mir, dass diese Marke wohl in irgendeinem Reality-Casting-Doku-Soap-Müll im Unterschichtenfernsehen eine Rolle spielte und somit einen gewissen Hype auslöste und zwar hauptsächlich bei der Zielgruppe denen ich ja normalerweise das Wahlrecht  entziehen würde, wenn ich König von Deutschland wäre. Also hatte uns unsere Ahnung nicht betrogen, es war ein netter Versuch und mehr nicht.

Heute sitze ich im Wartezimmer beim Arzt als Mutter und Tochter die Praxis betraten, sich neben mich setzten und anfingen die schlimmsten Boulevardmeldungen in der aktuellen BZ (immerhin konnten beide lesen) Seite für Seite zu kommentieren, welch‘ ein Grauen. Irgendwann kam das Kreuzworträtsel dran (Mutter fragt: Diebesgut? Tochter antwortet: Ware!) und ich war gottfroh, dass ich ins Arztzimmer gerufen wurde. Als ich wieder rauskam sah ich es sofort: Mutter und Tochter waren vollständig in Ed- Hardy-Klamotten gehüllt …

… uff, alles richtig gedachtmacht!

This entry was posted in contemporary idiots, decay, Idiocracy, Kommerz. Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.