Kognitive Dissonanz

Teil 1

Der Zusammenbruch des Finanzsystems war nichts Unerwartetes. Viele haben es geahnt, manche aufgrund von Sachkenntnis, sehr viele aber auch nur aufgrund eines „Bauchgefühls“.

Es ist wie mit dem Vesuv, er wird ausbrechen und es wird verheerend sein. Jeder weiß das, trotzdem werden an seinen Hängen nach wie vor Häuser gebaut. Dass die Verantwortlichen keine Kritik gelten lassen ist verständlich, sie profitieren in erheblichem Maße davon. Dass aber die potentiellen Betroffenen stur auf Durchzug schalten ist eigentlich unbegreiflich…

Ich glaube was mit den Banken passiert ist nur der Anfang, der Wahnsinn hat Methode und ein Umdenken, vielmehr ein „Steuer herumreissen“ findet nicht statt. Im Gegenteil, diejenigen die das Steuer in der Hand halten werden nun versuchen noch soviel wie möglich herauszupressen und dann hoffen, dass es ihnen irgendwie gelingt den Rest ihres Lebens1 in Vergessenheit zu geraten.

Ein Freund erzählte mir dieser Tage eine Geschichte aus seinem beruflichen Umfeld. Der Mutterkonzern seines Arbeitgebers hatte ausgerufen, dass irgendeine Kennzahl, irgendein EBITxxx (hier bitte selber eine möglichst absurde Abkürzung einfügen) unbedingt bis zum Jahresende eingehalten werden muss.

Das Einhalten dieser Kennzahl ist so wahnsinnig wichtig, weil die Jahresboni des Vorstands davon abhängen
Analysten und Ratingagenturen (ja die gibt es noch, ich frage mich auch wie lange noch. Wahrscheinlich wegen der Arbeitsplätze, obwohl in manchen Kulturen deren „Skills“ durchaus geschätzt werden und die, die nicht wollen wären  geeignete Kandidaten für das Archeprojekt drüben in Golgafrincham) sonst falsche Schlüsse ziehen würden
sie eben irgendwas macht, keine Ahnung …

Zum Geschäftsmodell dieser Branche gehört es, dass zuerst eine kleine Summe in einen Neukunden investiert werden muss, bevor man durch ihn Renditen einfährt. Um das vom Mutterkonzern ausgerufene Ziel zu erreichen müssen nun diese Investitionen vermieden werde. Ergo wird nun versucht jedes Neukundengeschäft zu vermeiden und zwar mit offiziellem Segen. Was machen die eigentlich dann im nächsten Quartal?

Der Irrsinn geht weiter: Denken nur bis zum Quartalsende, überzogene Renditeziele, Bullshitbingo, Wachstum, Wachstum, Wachstum gerne auch „nachhaltig“, muss aber nicht unbedingt.
Ich glaube die meisten „Normalsterblichen“ , wie auch ich, könnten hiervon Lieder singen, achwas … mehrstündige Liederabende gestalten.

Ich habe keine Bauchschmerzen, den außer meiner eigenen läppischen Existenz gibt es für mich nichts zu bewahren und das ist relativ einfach.

Deshalb empfinde ich mit Wohlbehagen Häme und Spot für diejenigen die beschlipst und penetrant smart völlig hirnrissigen Möchtegern-BWL-Stuß faseln, wenn diese Nieten in Nadelstreifen eine ordentliche Quittung bekommen für all ihr rücksichtsloses Shareholder-Value Geschwurbel. Es werden zwar wie immer die Falschen2 sein, nämlich nur das Umfeld desjenigen welcher ihrer Meinung nach übertrieb. Die „erste Wahl“ ist ja bereits (vollversorgt) abgetaucht.

Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass eine Umkehr wahrscheinlich nicht mehr möglich ist, so tief stecken wir im Schlamassel. Ich weiß nicht wie weit wir die Globalisierung rückabwickeln können ohne deren zweifelsohne auch positiven Seiten mit zu vernichten. Ich glaube wir haben zuviel Blut geleckt um uns nun wieder bescheiden zu können.

Wohl dem, der frühzeitig angefangen hat gegen den Strom zu schwimmen, er wird stark genug sein die Härte des Kommenden zu kompensieren, gegen brutale Gewalt hingegen ist niemand gefeit …!

1 dies ist je nachdem wirklich der Rest ihres Lebens oder aber es gibt irgendwo wieder ein gutdotiertes Pöstchen zu besetzen.
2 obwohl auch dies wieder relativ ist, sie hätten ja nur zu sich selber stehen müssen.

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